Interviews

Mehrsprachigkeit mit den Augen der Kinder: Univ.-Prof. Dr. Sandra Niebuhr-Siebert

 

Univ.-Prof.-Dr.-Sandra-Niebuhr-Siebert über Polylino

 

Die Zahl der Kinder mit unterschiedlichem kulturellem und sprachlichem Hintergrund ist in den letzten Jahren in Deutschland stark angestiegen. Doch wie begegnet man diesen mehrsprachigen Kindern? Diese Frage hat Polylino Prof. Dr. Sandra Niebuhr-Siebert gestellt, Studiengangsleiterin Sprachpädagogik und Erzählende Künste in Sozialer Arbeit an der Fachhochschule Clara Hoffbauer in Potsdam.

Wie sieht Mehrsprachigkeit mit den Augen der Kinder gesehen aus?

Ein mehrsprachiges Kind lebt mit zwei Sprachen. Das bedeutet, dass die Sprache, die die Eltern dieser Kinder sprechen, also die Herkunftssprache, auch oft ihre Herzens- und Familiensprache ist. Also die Sprache, in der sie Geborgenheit spüren, in der sie die Liebe ihrer Eltern spüren. Deshalb ist es wichtig, dass die Kinder diese Sprache auch an anderen Orten wahrnehmen. Weil sie ihnen Sicherheit bietet, weil sie ein Teil von Ihnen ist.

Wenn dann aber im Kindergarten gesagt wird: „In dieser Einrichtung wird nur Deutsch gesprochen“, bedeutet das letztlich für mehrsprachige Kinder sowas wie „in dieser Einrichtung wird nur der linke Arm gefördert, den rechten kannst du zu Hause lassen“. Für mehrsprachige Kinder sind beide Sprachen einfach wichtig.

Für alle Kinder gilt, dass wenn sie von der Familie in die Kita kommen, sie etwas brauchen, was dafür sorgt, dass sie sich in der Kita wohlfühlen. Für mehrsprachige Kinder ist das, wenn sie merken: „Okay, die können meine Sprache ja auch!“. Auch wenn die meisten eine andere Sprache sprechen, ist es erst mal so, dass ich gesehen werde.

Gibt es einen Unterschied zwischen einsprachigen und mehrsprachigen Kindern?

Ein bilinguales Kind wird niemals ein einsprachiges Kind werden. Es wird immer zwei oder mehr Sprachen sprechen und aus diesen Sprachen setzt sich seine Sprachkompetenz zusammen. Das bedeutet zum Beispiel, dass mehrsprachige Kinder unterschiedliche Wortschätze aufbauen, je nachdem, wo sie die jeweiligen Sprachen sprechen. Wenn sie zum Beispiel meist zu Hause essen, werden sie in der Familiensprache mehr Wörter haben für das, was sie essen. In der Kita werden sie gleichermaßen mehr Wörter haben für das, was ihnen dort begegnet. Je mehr ich in allen Bereichen die Kinder gezielt fördere, desto ausgeglichener wird auch die Sprachkompetenz.

Was für mehrsprachige Kinder problematisch ist, ist dass Bildung und Herz für sie oft nicht zusammenpassen. Ich habe auf der einen Seite eine Sprache, in der ich mich wohl fühle, in der ich gesehen werde, und dann kommt die Bildungssprache. Und in der bin ich immer schlechter als alle anderen. Das führt dazu, dass diese Kinder irgendwann automatisch denken: „Die kann ich sowieso nicht.“ Wie ein Apfel, der ständig mit einer Birne verglichen wird und niemals Birne sein wird. Also brauche ich Konzepte, die davon ausgehen, dass Kinder mehrsprachig sind, andere Bedürfnisse haben. In dem Moment, wo wir mehrsprachige Kinder in unserem Kindergarten haben, geht es darum, in der Pädagogik nach Lösungen zu suchen, sie zu begleiten.

 

Prof. Dr. Sandra Niebuhr-Siebert ist Professorin für Sprachpädagogik und Erzählende Künste in Sozialer Arbeit an Fachhochschule Clara Hoffbauer Potsdam. Forschungsschwerpunkte sind Mehrsprachigkeit und Mehrschriftlichkeit, Leseförderung, sowie ästhetische Sprachbildung. Sandra Niebuhr-Siebert begleitet die App-Entwicklung und Website hinsichtlich spracherwerbsrelevanter Aspekte, insbesondere der Mehrsprachigkeit und elementarpädagogischer Implikationen.

 

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