Interviews

Prof. Birgit Dankert zu Polylino, Digitalisierung und Kinderliteratur

Univ.-Prof. Birgit Dankert

Kaum jemand ist mit dem Angebot an Bilderbüchern in Polylino so vertraut wie Prof. Birgit Dankert – denn die deutschen Bücher wurden von ihr in Zusammenarbeit mit Dr. Andre Kagelmann sorgfältig ausgewählt. Wir haben die Bibliothekswissenschaftlerin mit langjähriger Erfahrung und Leidenschaft für Kinder- und Jugendliteratur, digitale Wissensstrukturen, Datenbanken und Kulturpolitik auf der didacta getroffen und mit ihr über Zukunftsaussichten, Digitalisierung und Mehrsprachigkeit gesprochen.

 

Wie sehen Sie die Zukunft von Kinder- und Jugendliteratur?

Diese Zukunft hat viel mit der Zukunft ganz allgemein zu tun. Ausschließlich aus sich selbst erneuert und entwickelt sich die Kinderliteratur nicht. Sie erneuert sich auch aus dem Kinderbild, das eine Gesellschaft verfolgt. Sie spiegelt wider, wie Kinder leben, welche Erziehungsziele gesetzt werden, welche Wünsche und Besorgnisse die Autoren in Bezug auf Kinder hegen. Auch Geschichte und Tradition spielen eine Rolle. Für ungefähr ein Drittel der Weltbevölkerung gehört eine spezielle, gedruckt oder digital verbreitete  Kinderliteratur nicht zu den verfügbaren und gesellschaftlich sanktionierten Ressourcen  – erzählt wird allerdings überall.

Die Zukunft der Kinder- und Jugendliteratur hat also auch mit den allgemeinen technischen und politischen Entwicklungen zu tun. Wie soll, wie wird Kindheit aussehen? Welche Bedeutung messen wir der Fiktion, den Fakten, der Sprache und den Bildern zu und wie transportieren wir sie in einem teils freien, teils gelenkten Erziehungs- und Sozialisationsprogramm? Die Kinder- und Jugendliteratur wird diese Prozesse begleiten, aber auch vorantreiben. Das ist ihr immanent: denken Sie an die Wirkung von „Pippi Langstrumpf“ für die Mädchenerziehung und an „Harry Potter“ für die Bedeutung fantastischer Welten für die kleinen Fluchten aus dem Kinderalltag.

 

Welche Rolle spielen digitale Medien für die Kinder- und Jugendliteratur?

Die Welt des www und die digitalen Medien bieten neue Techniken, Methoden, Tools der Fakten-, Wissens- und Sinnvermittlung. Dessen bedient sich die Kinder- und Jugendliteratur zunehmend – nicht zuletzt, weil Kinder von deren Möglichkeiten fasziniert sind. Die Qualitäten und Defizite der analogen und digitalen Medien werden ja glücklicherweise nicht mehr gegeneinander ausgespielt, sondern nebeneinandergestellt und zunehmend erfolgreich dort miteinander verbunden, wo es dem menschlichen Hirn und der kindlichen Aufnahmefähigkeit entspricht. Ebenso wie ich warten allerdings viele auf das erste große originäre Kunstwerk für Kinder in einem digitalen Medium. Es kommt sicher, braucht allerdings offensichtlich Zeit.

 

Was gefiel Ihnen an Polylino, dass Sie beschlossen, bei der App mitwirken zu wollen?

Was mir daran besonders gefallen hat, ist die Trias aus Bilderbuch, auditiver Vermittlung und Sprachpädagogik. Polylino bietet Bilderbücher, die über das Programm eines einzelnen Verlages hinaus aufgrund ihrer anerkannten Qualität für eine besondere Aufgabe ausgewählt werden. Die Werte und Wirkungen dieser qualitätvollen Bilderbücher werden dann mit den technischen Möglichkeiten einer App auf eine Weise verbunden, die Kindern mit Geschichten, Bildern und beim Zuhören ihrer gewählten Sprache die Welt erklärt und ihre sprachlichen Fähigkeiten spielerisch, aber nachhaltig trainiert. The dignity of the book and the technical possibilities of an app. Das ist die Kombination, die mich überzeugt hat.

 

Wie kann Mehrsprachigkeit mit Hilfe von Kinder- und Jugendliteratur (noch mehr) gefördert werden?

Hier muss die Welt, hier müssen die Vermittler der Kinder- und Jugendliteratur offensichtlich einen Paradigmenwechsel vornehmen. Und so etwas fällt gar nicht leicht. Mehrsprachigkeit in der Kinder- und Jugendliteratur bedeutete hierzulande über Jahrhunderte, dass Bücher aus fremden Ländern und fremden Sprachen ins Deutsche übersetzt wurden und dass einige Kinder gebildeter Eltern diese in der Originalsprache lasen. Das war Internationalität, und wurde als Kultur- und Bildungsvorteil angesehen.

Jetzt aber kommt das Bemühen aus einer anderen Richtung, nämlich vom Kind, vom Sprechenden und Zuhörenden, und nicht mehr nur vom Text aus. Und dadurch erhält das erzählende oder informative Bilderbuch, das sich nach den sprachlichen Notwendigkeiten etwa einer Kita-Gruppe richten kann, eine veränderte, neue Qualität von Mehrsprachigkeit. Seine Geschichte, seine Bilder, seine Wirkung erreichen das Kind in der vertrauten Sprache. Das verleiht der kleinen Hörerin, dem kleinen Hörer Sicherheit. Aus der Sicherheit, der sprachlichen Vertrautheit fällt aller sprachpädagogischen Erkenntnis nach das Lernen der zweiten, der fremden Sprache leichter. Mit dem Betrachten, Zuhören, mit eigenen Kommentaren vermittelt das Bilderbuch nicht nur Vokabeln und Grammatik, sondern auch Sprachmelodie, Erzählstrukturen, Kausalketten und vieles Andere. Es ist faszinierend zu sehen, wieviel Potential gute Bilderbücher – und die müssen es sein – für mehrsprachige Frühpädagogik besitzen.

 

Welche Trends mit Hinsicht auf Digitalisierung sehen Sie in frühpädagogischen Einrichtungen?      

Der gerade geschlossene Digitalpakt der Bundesregierung betrifft zwar die Schulen und nicht die Kindertagesstätten, wird aber doch positiven Einfluss auf digitale Angebote in der Vorschulpädagogik nach sich ziehen. Ich bemerke, dass Gespräche über Tablets in Kindergarten und Vorschule zunehmen und Wege gesucht werden, Buchkultur und digitale Angebote zum Besten der Kinder in Einklang zu bringen. Der berufliche Alltag mit anhaltend sprachlich gemischten Gruppen lässt Wege suchen und finden, Angebote zur Mehrsprachigkeit wahrzunehmen. Einige Kindertagesstätten haben sich gerade darauf spezialisiert. Die Kooperationspartner in Öffentlichen Bibliotheken stehen vor ganz ähnlichen Entscheidungen. Mehrsprachige multimediale Angebote für Kinder im Vorschulalter gehören auch zum bibliothekarischen Programm. Die Curricula der Ausbildung können ohne Kompetenzvermittlung für digitale Medien, Didaktik und Qualitätssicherung nicht mehr bestehen. Was im www gerne „content“ genannt wird, also die Inhalte der neuen Datenwege, darf darüber nicht vergessen werden.

 

Haben Sie zum Schluss noch Buchtipps zu guten Einführungen zur Arbeit mit Kinder- und Jugendliteratur?

 

Zunächst zwei gute Ratgeber für die tägliche Arbeit:

Alt, Katrin (2017): Mit Kindern Bilderbuchwelten vielfältig entdecken. Basiswissen & Praxisideen. Weinheim: Beltz (Beltz Nikolo)

Albers, Timm (2015): Das Bilderbuch-Buch. Sprache, Kreativität und Emotionen in der Kita fördern. 1. Aufl. Weinheim: Beltz

Zwei gute vielseitige Einführungen in das Medium Bilderbuch:

Hering, Jochen (2016): Kinder brauchen Bilderbücher. Erzählförderung in Kita und Grundschule. Seelze: Kallmeyer.

Kruse, Iris; Sabisch, Andrea (Hg.) (2013): Fragwürdiges Bilderbuch. Blickwechsel – Denkspiele – Bildungspotenziale. 1. Aufl. München; Kopaed

Ein praxisbezogener Sammelband zu vielen Aspekten der Mehrsprachigkeit:

Gawlitzek, Ira; Kümmerling-Meibauer, Bettina (Hg.) (2013): Mehrsprachigkeit und Kinderliteratur. Stuttgart: Fillibach.